
Am Vormittag gehen wir Schwestern in Oberhausen den Kreuzweg. Schritt für Schritt folgen wir dem Weg Jesu Christi. Wir halten inne, hören, gehen weiter. Station für Station. Und bei jeder Station ein Gesang aus Taizé:
„Oculi nostri ad Dominum Jesum.
Oculi nostri ad Dominum nostrum.“
Wir singen gemeinsam. Eine Mitschwester trägt den Ruf mit besonderer Treue. Bei jeder Station, immer wieder. Und immer wieder verschiebt sich ein kleines Wort. Aus ad wird et.
Zu Beginn stört mich das und ich frage mich: Warum liest sie das nicht einfach richtig vom Zettel ab? Gerade hier, im Kreuzweg, wo jedes Wort trägt.
Der Gesang wiederholt sich. Station für Station. Und mein Hören verändert sich.
Ich beginne, dieses et anders zu hören. Nicht mehr als Fehler, sondern als Spur. Unsere Augen – und der Herr. Zwei Wirklichkeiten, die nebeneinanderstehen.
Ich drehe sie innerlich um. Unser Herr – unsere Augen. Fast wie eine mathematische Gleichung, die sich wenden lässt. Der arithmetische Operator „=“ als Relationszeichen. Nicht im strengen Sinn, sondern als geistliche Bewegung. Was ich anschaue, prägt meinen Blick. Und mein Blick entscheidet, wie ich die Welt sehe.
Der Blick ist nie neutral. Er formt Wirklichkeit. Er öffnet oder engt ein. Er lässt mich sehen oder übersehen. Was ich in den Blick nehme, gewinnt Gewicht. Was ich meide, verliert an Bedeutung.
Der Kreuzweg ist diese Schule des Sehens. Ich gehe mit. Ich bleibe stehen. Ich schaue hin. Ich halte aus, was sich zeigt.
Wenn meine Augen sich an Jesus Christus binden, verändert sich mein Sehen. Ich bleibe nicht an der Oberfläche. Ich entdecke Tiefe. Ich beginne, die Welt durch seine Augen zu sehen. In dem Maß, in dem ich auf den Herrn schaue, lerne ich, die Welt so zu sehen, wie Gott sie sieht.
Dann wird aus dem ad, das ausrichtet, ein et, das verbindet. Mein Blick und sein Blick treten in Beziehung.
Vielleicht geschieht genau das im Glauben. Nicht dass ich sofort richtig sehe, sondern dass mein Sehen sich wandelt.
Am Ende bleibt dieser Gesang. Mit seinem kleinen Bruch. Und er geht mit in den Alltag. In Begegnungen, in Entscheidungen, in das, was ich anschaue und was ich übersehe. Der Kreuzweg endet nicht an der letzten Station. Er setzt sich fort im Sehen.
Schwester M. Gloria
