Es gibt Situationen, in denen Worte ihren Sinn verlieren. In denen Worte nicht weiterhelfen. In denen Worte nur versagen können. Wenn man trauernd an einem Grab steht zum Beispiel oder wenn Menschen persönliche Schicksalsschläge teilen.
Es gibt aber auch eine Form der versagenden Worte, die nicht so sehr mit Fassungslosigkeit und Entsetzen zu tun hat, sondern in denen eine Handlung mehr zu sprechen vermag als Worte. Ich denke an (frisch) verliebte Paare, die nicht viel miteinander reden müssen, weil die Nähe des Geliebten genügt, um glücklich zu sein. Oder, wenn ein Mensch das Licht der Welt erblickt. Der Schrei des Neugeboren sagt doch mehr als 1000 Worte.
Auch in der Liturgie finden sich häufig solche sprachlosen Feierformen. Ich denke an die Karfreitagsliturgie, die damit beginnt, dass sich der Priester und die liturgischen Dienste flach auf den Boden legen und die gesamte versammelte Gemeinde in Stille betet. Es ist der Moment, an dem wir gedenken, dass der Sohn Gottes für uns gekreuzigt wurde. Wer vermag dieses Geheimnis zu erfassen? Wir können es nicht erklären, selbst kluge Theologie über die Erlösung ist an diesem Tag nicht so aussagekräftig, wie das körperlich vollzogene Zeichen. Der Mensch sprachlos angesichts des Kreuzes. Erschüttert angesichts der Grausamkeit. Verstummt angesichts der Liebe.
Bei meiner Professerneuerung lag ich auch so am Boden, aber aus einem anderen Motiv heraus. Es wurde der Heilig-Geist-Hymnus gesungen, ein uralter Text, der um die Gabe Gottes selbst betet. In der ersten Strophe stand ich vorm Altar und konnte noch mitsingen. In der zweiten Strophe verschlug es mir Sprache. Nicht, weil ich sonderlich emotional war oder nicht singen kann, sondern weil ich gemerkt habe, jetzt spricht alles in mir - mein Leib, meine Seele - und am Ende der Strophe lag ich dort. Auf dem Boden zu liegen und die Mitschwestern und die Gemeinde singen zu hören, ist ein sehr tiefer Moment. Der Gesang ist über dir und deine einzige Aufgabe ist es, dich fallen zu lassen in dieses Geheimnis, was da passiert: das Leben Gott schenken.
Das gleiche Phänomen gibt es auch bei der Weiheliturgie oder der Jungfrauenweihe. Die Menschen, die da vor dem Altar auf dem Boden liegen, singen nicht mehr. Sie sind nur noch.
Und diesen Moment haben wir (theoretisch) alle erlebt. Die Taufe durch Untertauchen galt als Urform der Taufe, denn dort wird es besonders sichtbar: Der Mensch verstummt, lässt sich eintauchen in das Wasser, hält die Luft an und mit dem Auftauchen atmet er das Leben Jesu.
Mir wurde in diesem Jahr neu bewusst: Große, lebensverändernden Dinge finden oft weniger durch Worte und Tun, sondern durch das Loslassen und Getragenensein statt. Wo die eigenen Worte versagen, singt die Gemeinde weiter. Das ist Kirche. Wir sind getragen und tragen einander.
Sr. M. Clarita
