Ein freiwilliges Ordensjahr auf dem Arenberg - Teil 2

# 12 Hello again

Mein dreimonatiges freiwilliges Ordensjahr (FOJ) auf dem Arenberg liegt jetzt schon mehr als drei Monate zurück und ich habe dies zum Anlass genommen, meinen „alten“ Bericht noch einmal zu lesen. Und egal ob Einkaufszettel, Urlaubsgepäck oder eben FOJ-Bericht, die Erkenntnis ist immer die Gleiche – ich habe etwas Wichtiges vergessen. Da der erste Bericht aber ohnehin schon sehr lang geraten ist, wäre ein Teil 2 vielleicht von Anfang an eine gute Idee gewesen. Aber auch das ist immer das Gleiche, solche Ideen hat man eben immer erst hinterher.

Erstmal in aller Kürze: Ich bin am ersten Dezember letzten Jahres wieder in mein „normales Leben“ gestartet und nach ein paar „Ankommensschwierigkeiten“ auch wieder gut dabei. Meine Erlebnisse in meinen drei Monaten freiwilligem Ordensjahren im Kloster Arenberg habe ich ja bereits beschrieben. Wer an dieser Stelle Lust hat, diesen Bericht (noch) einmal zu lesen, der möge einfach im Blog auf den 15. Dezember 2023 zurück scrollen.

 

# 13 Reformationstag

Und jetzt zu dem vergessenen Wichtigen. Bis heute fällt mir zu der Frage, was eigentlich die schönsten Momente im Kloster waren, neben vielen anderen sehr schönen Dingen immer wieder der gemeinsam gefeierte Reformationstag ein. Ja, Sie haben richtig gelesen, wir haben gemeinsam im letzten Jahr auf dem Arenberg den Reformationstag auf eine Art und Weise gefeiert, die ich nie im Leben erwartet hätte. Kurz zum Hintergrund sei gesagt, dass am Reformationstag (31. Oktober) daran erinnert wird, dass Martin Luther seine 95 Thesen zur kritischen Auseinandersetzung mit dem im 16. Jahrhundert gängigen Ablasshandel – der Geschichte nach durch das Annageln an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg – veröffentlich hat. Damit war im Jahr 1517 die Reformation eingeleitet. 

Ich hatte mich vorher schon innerlich darauf eingestellt, dass ich in diesem Jahr umgeben von katholischen Ordensschwestern eben Allerheiligen mitfeiere und der Reformationstag für mich ausfällt. Und ich wäre sicher auch nicht daran gestorben. Aber diese Rechnung hatte ich ohne die Arenberger Dominikanerinnen gemacht. Die Schwestern vermerkten, jetzt mit einer evangelischen Mitbewohnerin in ihren Reihen, den Reformationstag in ihrem Wochenplan (ich vermute zum ersten Mal in der Ordensgeschichte) und setzten „im Sinne der Ökumene und für Kristina“ für alle Mahlzeiten Erholung (d.h. Gespräch bei Tisch) an. Dann wurde vor und nach den Mahlzeiten je ein Zitat von Martin Luther wie z.B.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ 

 vorgelesen und es gab eine Abendmesse mit katholischer Liturgie aber evangelischen Liedern. Vor allem das gemeinsame Singen des Liedes „Von guten Mächten wundervoll geborgen“ hat mich sehr berührt. Sogar die Gäste im Gästehaus bekamen an diesem Abend einen Impuls „an der ökumenischen Schwelle zwischen Reformationstag und Allerheiligen“ zu einem Ausspruch von Martin Luther. Und nach dem Abendessen haben wir dann gemeinsam die erste Vesper von Allerheiligen gebetet.

Ich habe in meinem Leben schon ganz unterschiedliche Reformationstage gefeiert. Mal in einer alten Holzkirche im Harz, mal in modernen 70iger Jahre Kirchen in verschiedenen Städten, mal in der Studentengemeinde. Und auch inhaltlich war in den Predigten von einer halben Geschichtsvorlesung über die Anfänge der Reformation im 16. Jahrhundert bis zur Auseinandersetzung über die Probleme der heutigen evangelischen Kirche alles schon dabei gewesen. Aber das letzte Jahr übertrifft alle diese Reformationstage. Und das nicht, weil es irgendwie theologisch besonders gelehrt war. Sondern weil es einfach so unglaublich herzlich und berührend war. Dafür noch einmal ein ganz großes Dankeschön an alle Schwestern!

 

# 14 Rückkehr ins „normale Leben“

Wie bereits gesagt ging es für mich nach all dem Mitleben, Mitbeten und Mitfeiern schließlich am 01.12.2023 zurück nach Hause. Und mit dieser Rückkehr habe ich - nach einer organisatorisch zwar zum Teil etwas zähen (Stichwort Nebentätigkeitsgenehmigung) aber inhaltlichen doch sehr erkenntnisreichen Vorbereitungsphase und einer sehr schönen Klosterzeit - einen Abschnitt gefunden, der nicht ganz so gut lief. Ich war nicht mehr im Kloster, aber auch noch nicht wieder richtig in meiner Welt. Zum einen war der Übergang vom Klosteralltag mit seinen Gebeten und seinen Zeiten des Schweigens in einen ganz normalen Vollzeitarbeitsalltag mit all seinem Input und seiner Schnelllebigkeit zu bewältigen. Zum anderen begann damals gerade die Adventszeit mit ihren Weihnachtsfeiern, ihren bunten Lichtern, lauter Weihnachtsmusik und vielen verschiedenen Menschen. Es war sehr lieb von meinen Arbeitskollegen und meinen Freunden, die ich ja seit drei Monaten nicht gesehen hatte, die Feiern so zu legen, dass ich an allen teilnehmen konnte. Und ich habe mich sehr gefreut, alle wiederzusehen. Aber im Rückblick waren es viel zu viele Eindrücke in zu kurzer Zeit. Und auch mein Ehrenamt, die Übungsleitung in drei Kinderschwimmkursen, startet für mich direkt wieder am 4. Dezember mit kranken Übungsleiterkollegen und der Abnahme der Seepferdchenabzeichen. Um mal einen Ausdruck aus der Elektrotechnik zu bemühen, ich hatte einen „Kurzschluss“ und konnte nicht mehr alle auf mich einströmende Eindrücke verarbeiten. Meine Mutter, die sich zu Weihnachten etwas darüber wunderte, dass ich ja nach drei Monaten im Kloster gar nicht so richtig erholt sei, fasste es in die folgenden Worte. „Wenn man drei Monate lang krank ist, dann steigt man ja auch erstmal mit dem Hamburger Modell schrittweise wieder in die Arbeit ein und NICHT SO WIE DU!“. Danke Mama, drastischer hätte ich es jetzt auch nicht sagen können.

Mit dem heutigen Abstand zu meinem freiwilligen Ordensjahr kann ich ganz klar sagen, dass die Rückkehr genau wie die Vorbereitung und die Klosterzeit als Bestandteil des Sabbaticals dazu und auch in der Planung berücksichtigt gehört. Im Nachhinein habe ich über Sabbaticals gelesen, dass dieser Fehler wohl gar nicht so selten ist und auch nach längeren Reisen vorkommen kann. Man bereitet sich mit Vorfreude auf seine Auszeit vor und genießt dann die neuen Eindrücke und Erlebnisse. Und dann ist zwar geplant und doch irgendwie plötzlich alles vorbei und es geht zurück ins normale Leben, von dem man sicher ist, dass man es ja seit Jahren kennt. Doch auch in der Normalität muss man erstmal wieder ankommen. Auch wenn die Erkenntnis total banal klingt, so hat sie meines Erachtens durchaus ihre Berechtigung. Und sobald ich nach dem Weihnachtsurlaub im Januar wieder in meinen ganz normalen Alltag eingestiegen bin, war es auch wieder gut.

 

# 15 Gab es denn jetzt gar keine Probleme im Kloster?

Mir ist nach meiner Rückkehr mehrfach die Frage gestellt worden, ob es denn im Kloster gar keine Probleme gab, denn ich würde so viel Positives erzählen. Und auch in einem Kommentar zu meinem ersten Bericht klingt diese Frage an. Und – was soll ich sagen – natürlich gab es auch mal Probleme. Es gab Momente, in denen ich mich mal geärgert habe, in denen ich Dinge nicht nachvollziehen konnte und in denen diese für mich gerade am Anfang so ungewohnte katholische Klosterwelt mir auch mal zu viel war. Ich habe schließlich auch in diesen drei Monaten als Mensch unter anderen Menschen gelebt und nicht als Einsiedler in einer Höhle. Wobei … wahrscheinlich hätte es selbst in der Höhle auch mal Probleme gegeben. Aber nichts davon hat überstrahlt, dass es eine sehr schöne Zeit mit tollen Menschen war. Wollte ich mal alles steht und liegen lassen und einfach nur noch nach Hause? Ja, es gab tatsächlich genau einen solchen Moment. Aber daran waren weder die Schwestern noch ich Schuld. Mich hat Anfang November im Kloster zum ersten Mal überhaupt eine Corona-Infektion erwischt und ich lag krank im Bett. Es war kein schlimmer Verlauf, aber ich fühlte ich total erschlagen, mein Kreislauf war im Keller und meine Stimmung hat ihn noch unterboten. An diesem Abend habe ich mich tatsächlich einfach nur noch nach Hause gewünscht. Aber schon kurz darauf war dieser Impuls auch wieder verschwunden. 

Aber es gab aber tatsächlich eine Herausforderung – der Begriff „Problem“ passt hier einfach nicht –, die in den drei Monaten immer wieder und in variierender Form auftauchte und die ich so richtig erst rückwirkend verstanden habe. Und das war die Frage, wer ich eigentlich ohne meinen jetzt für drei Monate auf Pause gestellten Kontext aus Familie, Beruf und Freizeit eigentlich bin.

 

# 16 GNOTHI SEAUTON oder Erkenne dich selbst!

Diese Inschrift prangte schon im antiken Griechenland am Apollotempel in Delphi. Dabei wurde dieser Ausspruch im Laufe der Jahrhunderte recht unterschiedlich gedeutet. So sollte dem Menschen ursprünglich seine Begrenztheit im Gegensatz zu der Macht der Götter aufgezeigt werden. Später erweiterte sich das Verständnis des Ausspruches und mahnte auch die menschliche Selbsterkenntnis im Zusammenhang mit der Natur an. Platon dachte diesen Ausspruch noch einmal weiter und stellte jetzt die Selbsterkenntnis des Menschen um das eigene Nichtwissen und daraus folgend die Aufforderung die Einsicht in die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten und die Kultivierung der Tugend in den Vordergrund. Vom römischen Dichter Juvenal (und damit zeitlich noch etwas später) wurde der Ausspruch auch auf die Maxime bezogen kluge Entscheidung in Lebens- und Alltagsfragen zu treffen.

Bevor jetzt bei dem ein oder anderen Leser die Angst aufkommt, ich hätte in meinen drei Klostermonaten auf dem Arenberg eine Vorliebe für die griechische Philosophie entdeckt, den kann ich beruhigen. Dem ist nicht so.

Ich stand allerdings in meinem FOJ vor der Herausforderung, die nicht nur griechische Philosophen und römische Dichter, sondern auch mich in den drei Klostermonaten immer wieder meist unterschwellig beschäftigt hat und das war die Frage nach der eigenen Rolle. Wer bin ich? Eine Frage, die so einfach klingt und es trotzdem in sich hat. Viele kennen das, wenn man sich in einem neuen Kontext vorstellt. Uns Deutschen wird ja gerne nachgesagt, dass wir uns dabei oft mit unserem Beruf vorstellen und uns auch darüber definieren würden. Und ich bin dabei keine Ausnahme. Ich bin im beruflichen Kontext Beamtin in einer klar strukturierten Behördenhierarchie oder im Ehrenamt eben Übungsleiterin mit klar definierten Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Im familiären Kontext bin ich Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte und Cousine. Das alles sind über viele Jahre gewachsene Rollen, die natürlich alle immer noch da und wichtig waren. Aber sie standen jetzt alle gleichzeitig für drei Monate auf Pause. Also … Wer bin ich, wenn das in einem neuen Umfeld eigentlich keine Rolle spielt? 

 

Natürlich bin ich von den Schwestern nach meiner Familie gefragt worden und ich habe auch in meiner Klosterzeit mit ihnen telefoniert. Selbstverständlich habe ich auch von meiner Arbeit und meinem Ehrenamt erzählt, aber all das war hier eigentlich nebensächlich. Und hier, das war jetzt eine ebenfalls sehr strukturierte Klosterwelt, die beginnend bei einer Kandidatin über eine Postulantin, Novizin und Juniorin hin zur Schwester mit ewiger Profess und dann den verschiedenen Ämtern bis hin zur Generalpriorin viele Stufen mit den dazugehörigen Rechten und Pflichten kennt. Ich war in dieser Welt offensichtlich Anfängerin, dass war wirklich unübersehbar, und eben FOJlerin. Aber war hieß das im täglichen Leben, in meinem neuen Alltag? Ich lebte mit den Schwestern zusammen, war aber keine Schwester. Ich arbeitete immer wieder mit den Mitarbeitern im Kloster zusammen, war aber keine Mitarbeiterin. Und ich nutzte mit Park, Schwimmbad und hin und wieder den Nachtimpulsen und Vorträgen die Angebote der Gäste im Gästehaus, war aber kein Gast. Als ich einer Mitarbeiterin das „Du“ anbot, sagte sie freundlich aber bestimmt zu mir, sie würde keine Schwestern duzen. Mein Einwand, dass ich keine Schwestern sei, führte nur zu einem ungläubigen Blick. Auch einige Gäste, die mich bei den Schwestern im Chorgebet sahen, fragten mich, ob ich jetzt eintreten würde. An manchen Abenden musste ich neben den Eindrücken des Tages auch erstmal die verschiedenen Rollen für mich sortieren. 

 

Und ich hatte den Eindruck, dass mein Ankommen auf dem Arenberg auch für die Schwestern ein Prozess war. Schließlich kannten sie mich zu Beginn ebenfalls nicht. Und auch wenn Besuch im Mutterhaus keine Seltenheit ist, so bleibt dieser meist nur wenige Tage und nimmt in der Regel deutlich weniger am Konventsalltag teil. Da es das Projekt des freiwilligen Ordensjahres erst seit 2019 gibt und ich im Kloster Arenberg genau eine FOJ-Vorgängerin hatte, deren freiwilliges Ordensjahr aber auch schon wieder lange zurück lag, mussten wir jetzt also gemeinsam rausfinden, wie wir die drei Monate gestalten wollten. An welchen Veranstaltungen sollte/ konnte/ durfte ich teilnehmen? Das ich beim Essen im Refektorium und den Gebetszeiten dabei war, war von Beginn an gesetzt, aber was war mit der Noviziatsexkursion, der Rekreation im Noviziat, in dem ich jetzt mitwohnte, oder der morgendlichen Meditation im kleinen Kreis? Wie war es mit Ausflügen oder Veranstaltungen? Ab wann wurde es zu intern für mich. Und auch die Anrede spielte in diesen Bereich mit hinein, auch wenn mir das erst später klar geworden ist. Ich wurde mit Vornamen und je nach Schwester mit Du oder Sie angesprochen – soweit war alles gut. Es kam aber immer mal wieder vor, dass mir ein „Schwester Kristina“ entgegenkam. Und während andere darüber lachen konnten, hat es mich gestört. Ich habe natürlich verstanden, dass eine Schwester, die 35 Mitschwestern im Refektorium gegenübersitzt, ganz automatisch auch die 36. Person als Schwester anredet. Aber rückblickend stand ich in dieser Zeit gerade bei der Frage, wer ich in diesem für mich komplett neuen Kontext jetzt eigentlich bin und „Schwester Kristina“ war einfach kein Teil der Antwort. Insgesamt haben wir aber meines Erachtens all diese Herausforderungen gemeinsam gut gemeistert und mit einer Mischung aus Einladungen, Rückfragen und viel gegenseitigem Vertrauen mehr erreicht, als es ein von Beginn an feststehender Masterplan (den ich mir zwischendurch tatsächlich manchmal gewünscht hätte) hätte schaffen können. Und das wird aus meiner Sicht z.B. durch die folgende Begebenheit perfekt veranschaulicht. Es ging um die Teilnahme an irgendeiner Veranstaltung, ich weiß schon gar nicht mehr um welche, bei der ich gefragt habe, ob auch FOJler mitkommen dürften. Die mir gegenüberstehende Schwester sah mich daraufhin an und sagte „aber du bist doch nicht eingeladen, weil du hier ein freiwilliges Ordensjahr machst. Du ist eingeladen, weil wir DICH mögen.“ Vielleicht ist das der schönste Teil der Antwort, die ich auf die Frage „Wer bin ich eigentlich jenseits von Familie, Beruf und Freizeit?“ in meiner Zeit auf dem Arenberg gefunden habe: „ein willkommener, mögenswerter Mensch“.

 

# 17 Wer bin ich? - Schwester M. Scholastikas Impuls zu „Kloster auf Zeit“

Was macht man in der heutigen Zeit, wenn man über jemanden Informationen haben möchte. Richtig – Man googelt ihn. Genau das habe ich vor meiner Ankunft im Kloster Arenberg am 1. September natürlich auch getan und ich habe neben der Gästehaushomepage, dem Blog „op-schreibt“ und verschiedenen social media Kanälen auch die Seite der Arenberger Dominikanerinnen gefunden und mich dort einmal umgeschaut. Dabei ist mir im Rahmen der  Vorbereitung auf mein freiwilliges Ordensjahr ein sehr schöner Impuls von Sr. M. Scholastika zum Thema „Kloster auf Zeit“ begegnet, den ich mit großem Interesse vor meiner Klosterzeit gelesen habe, der es vor lauter neuen Eindrücken und Erlebnissen im Kloster aber genau wie der Reformationstag einfach nicht in den ersten Bericht geschafft hat. – Und nein, das ist jetzt kein Werbeblock! –  Dieser Impuls beginnt nach einem Zitat von Thomas Merton auch mit der Frage „Wer bin ich?“. Ich empfinde es als sehr tröstlich, dass sich diese Frage im Kloster scheinbar öfter stellt.

„Wer bin ich? Wofür lebe ich? Was hält mich, wenn alles wegbricht? Was ist das Bleibende, das wirklich Bleibende in Erfahrungen von Verlust und fragmentarischem Leben, in der Konfrontation mit dem Tod. Fragen, die jede und jeden bedrängen - in sensiblen Augenblicken mitten im Gewöhnlichen, im Dunkel des Unbegreiflichen... im Schmerz ... gerade auch in der Absurdität des Erfolgswahns unserer Zeit.“

Ich kann nur erahnen, wie es sich wohl anfühlen muss, wenn sich im Kloster oder auch an einem anderen Ort die Frage „Wer bin ich?“ mit all diesen Facetten in einem Menschen auftut. Daran gemessen habe ich gerade einmal an der Oberfläche gekratzt. Und ich muss zugeben, ich dafür dankbar bin, dass mein Klosteraufenthalt für mich eine innerlich wie äußerlich ruhige Zeit war. Aber auch ich kenne diese Momente in denen Abschied von einem geliebten Menschen genommen werden muss, oder noch schlimmer, kein Abschiednehmen mehr möglich ist. Den Moment, in dem aus heiterem Himmel der Anruf mit der Nachricht über den Tod eines nahen Angehörigen kommt. Was bleibt in diesem Moment? Und was ist das Bleibende in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren, wenn aus der Ohnmacht langsam Begreifen und dann Trauer und Vermissen und schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit liebevolle Erinnerung wird? Ich habe keine allgemeingültige Antwort dafür und ich vermute, dass es sie auch nicht gibt. Aber glücklicher Weise muss eine Klosterauszeit nicht unbedingt in diese Abgründe hineinführen. Es geht auch deutlich sanfter.

 

„Solche Tage der Stille laden ein, die Schwingungen der inneren Sehnsucht in einem geschützten Raum wahrzunehmen und das sonst im Alltagsgewühle Unerhörte und Überhörte neu zu erlauschen. Sie sind Lernort, das Vernommene im Herzen zu bewegen, es umzusetzen und zu leben. Es ist die einzigartige Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen. Und Gott.“

 

Eine schönere Zusammenfassung, was eine Zeit im Kloster sein kann, kann ich nicht geben. Und dieses Zitat aus dem Impuls wäre fast das Schlusswort dieses Textes geworden, wenn … ja wenn … nicht noch Folgendes passiert wäre. 

  

# 18 eine kleine Anekdote zum Schluss – der Hl. Dominikus im Alten Testament

Jetzt werden sich gut informierte Leser fragen: „Der heilige Dominikus im Alten Testament? Aber das geht doch gar nicht.“ Doch es geht, wenn auch ein bisschen anders als die Überschrift zunächst vermuten lässt. Aber ich fange mit dem Erzählen mal vorne an. 

Mitte November 2023 waren Noviziat und Juniorat in Rom bei einer Veranstaltung des historischen Instituts des Predigerordens und der Dominican sisters Europe zur Geschichte und Spiritualität des Dominikanerordens. Und da Rom neben den vielen kirchlichen Highlights auch für sein leckeres Essen bekannt ist, brachten Schwester Ursula, Schwester Clarita und Schwester Gloria, neben Lesezeichen mit dem Bild des heiligen Dominikus drauf, für jeden auch eine leckere italienische Schokoladenpraline („Baci“) mit. Mein Interesse galt eindeutig mehr der Schokolade. Und da in jede Praline zusätzlich auch noch eine kleine Botschaft auf Italienisch und Englisch eingewickelt war, waren wir an diesem Abend im Refektorium neben dem Hören des Reiseberichts auch mit dem Übersetzen der verschiedenen Sprüche beschäftigt. Ein lustiger Abend, an dessen Ende ich mein Lesezeichen etwas ratlos mit in mein Zimmer nahm. Was mache ich als Protestantin mit einem Lesezeichen auf dem ein katholischer Heiliger abgebildet ist? Aber naja dachte ich, als liebe Erinnerung an die Schwestern wird es schon in irgendeinem Buch seinen Platz finden. Das Lesezeichen blieb dann erstmal auf dem Tisch in meinem Zimmer liegen und als es schließlich ans Packen für die Heimfahrt ging, habe ich es einfach mitten in das nächste, ebenfalls auf dem Tisch liegende Buch gesteckt und es genau in diesem Moment auch vergessen.

Zurück zu Hause und mit etwas Abstand zum freiwilligen Ordensjahr bin ich jetzt dabei verschiedene Angebote in der Gemeinde hier vor Ort auszuprobieren und zu schauen, was für mich Passendes dabei ist. In der letzten Woche war ich dann zum ersten Mal beim „Treffpunkt Bibel“. Ich hatte mich vorher nicht erkundigt, welches Thema dort besprochen werden sollte, aber das war rückblickend auch ganz gut so. Hätte ich gewusst, dass dies die Abschlussrunde zu den Propheten des Alten Testamentes war, hätte ich einfach den nächsten Termin als Einstieg gewählt, bei dem dann mit den Paulusbriefen begonnen werden soll. Aber jetzt war ich schon mal da und als ich meine Bibel dann mitten im Buch Jeremia aufschlug, wer guckte mich da an – der heilige Dominikus auf dem Lesezeichen aus Rom. Ich hätte fast laut losgelacht, denn ein passenderes Bild für das letzte Jahr hätte ich mir gar nicht ausdenken können. Zum einen meine Lutherbibel, die ich zur Taufe vom Pfarrer mit Taufspruch, Widmung und schwarzer Lederhülle mit Lutherrose drauf geschenkt bekam und die seit dem, mal mehr mal weniger, in Benutzung ist. Zum anderen mitten darin als Geschenk der Arenberger Dominikanerinnen ein Lesezeichen mit dem heilige Dominikus drauf. Fazit: es hat sich scheinbar nicht nur der Reformationstag in den Wochenplan der Schwestern eingeschlichen, es gibt jetzt wohl auch das Äquivalent dazu auf meiner Seite. Ich, die ich eigentlich überhaupt kein Fan davon bin, die Bibel mit Karten, Lesezeichen oder Andenken vollzustopfen, habe jetzt darüber nachgedacht, wo der heilige Dominikus denn nun seinen Platz finden soll. Und was soll ich sagen … er darf in meiner Bibel bleiben.

Kristina

 

P.S. Im Nachgang zu meinem letzten, zugegebenermaßen komplett Hasen-losen Bericht bin ich liebevoll daran erinnert worden, dass ich Felix den Klosterhasen vergessen habe. Dies soll natürlich kein zweites Mal passieren. Viele liebe Grüße an Schwester M. Hildegunde und Hase Felix.

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Kommentare: 1
  • #1

    Norbert (Sonntag, 17 März 2024 18:25)

    Hello, Kristina,

    vielen Dank für Ihre lesenswerten, zum Nachdenken anregenden und anrührenden Erinnerungen an die Zeit im Dominikanerinnenkloster Arenberg.