Was macht unser Leben reich?

Ansprache von Sr. M. Scholastika zur Einstimmung in den Festtag am 18. März 2017

 

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ fragte kürzlich Leser danach, was ihr Leben reich macht:

 

"Sonntags früh, es ist noch kalt beim Morgengebet in unserer Abteikirche, da höre ich zum ersten Mal in diesem Jahr den melodiö­sen Gesang einer Amsel. Nach den stillen Wintermonaten darf ich mich wieder an ihren herrlichen Morgenkonzerten freuen."

Bruder Simeon Friedrich, Benediktinerabtei St. Matthias, Trier

 

"Morgens den Badezimmerschrank zu öffnen und das Parfum meiner Frau zu riechen. Sie beendet gerade über 250 Kilo­meter entfernt ihr Studium, weshalb ich sie nur alle zwei Wochen sehe." Philipp Piontek, Bad Harzburg, Niedersachsen

 

"Ich besuche mit meinen beiden Enkelinnen eine Aufführung des Märchens „Die kleine Meerjungfrau“. Der Vorhang fällt, Applaus, da beugt die Kleine sich zu mir rüber: »Opa, können wir noch 'ne Folge?«"

Frithjof Schuylenburg, Hamburg

 

Sind es Banalitäten oder doch diese Kostbarkeiten, die beglücken, die Tor und Tür auf GOTT hin sind? Auch für uns? Für uns vielleicht noch viel mehr? Weil ER, GOTT, unser Leben ist? Auch unser alltägliches Leben?

 

Was ist, wenn sie uns nicht mehr froh macht, unsere gegenseitige allmorgendliche Einladung: „Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn!“,

wenn es nur noch Pflicht wäre, das so gewöhnliche Leben in Gemeinschaft.

 

Was mein Leben reicher macht. WER macht mein Leben reicher … Es ist gesetzt, und wir müssten die Luft anhalten über dieses Wunder:  

 

GOTT.

Soli Deo.

Inschrift des Ringes.

Welches Wort!

Welche Ungeheuerlichkeit.

Welches Leben.

 

GOTT.

Nur GOTT.

Mehr nicht.

Letztlich nicht.

Weil er uns alles sein will.

Weil es mehr ist als alles.

Weil er GOTT ist.

 

Liebe Jubilarinnen,

Fast 65, 60 und 50 Jahre tragen Sie ihn, den Ring. Das Zeichen des Bundes, das Zeichen der Liebe. Soli Deo – erinnert er uns.  

Und Du, liebe Schwester M. Johanna, wirst ihn ab morgen tragen. Du setzt ein Zeichen von Dir her: JA, JA - hier bin ich. Hier bin ich, mit allem, was mich ausmacht, hier bin ich mit mir und meiner Gemeinschaft und für sie, um vor GOTT zu stehen und IHM zu dienen. Um mit IHM und für IHN zu leben. Für SEIN Reich, um Seine Liebe zu bezeugen: In allem DU, GOTT. Soli Deo. Heute und alle Tage meines Lebens. 

Hier schwingst Du Dich, liebe Schwester M. Johanna, heute ein, und sagst JA bis zum Tode. Bis zum Tod, denn die Ewigkeit hat dann andere Gesetze.

 

Liebe Festtagsschwestern, die ganzen Exerzitien waren Morgen für Morgen durchzogen mit dem Hohenlied der Liebe. Warum sonst wären wir hier! 

Die Liebe ist

langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt

nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht

ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe

hört niemals auf. /

 

Unberechenbar ist sie. Nicht mit Stunden abzurechnen, nicht mit Taten aufzurechnen. Die Liebe liebt einfach, liebt im Jetzt. Liebt im Heute.

Das ist ja das Große, erste Profess bzw. auch die ewige Profess kann bedeuten: ich sage JA, Schülerin der Liebe zu bleiben, Sucherin der Wahrheit, denn: Wir haben sie ja nicht, die Wahrheit GOTTES und seine Liebe.

 

Wir eilen durch die Städte unseres Herzens, durch die Straßen unserer Gemeinschaft, durch die Pfade dieser Welt, um sie zu suchen, um

IHN zu suchen, wie wir im alttestamentlichen Hohelied die Geliebte hören: Habt Ihr IHN gesehen, den meine Seele liebt?

 

Und Sie, liebe Jubilarinnen, können erzählen, was heißt, diesen GOTT immer und immer wieder zu suchen, ihn auch aus dem Blick zu verlieren. Seine Stimmen nicht mehr zu hören. Da gibt es Zeiten, wo sein Wort uns nichts mehr sagt. Sie können Ihre Erfahrungen teilen und wissen, was es heißt, ihn zu suchen, auch in der Leere, auch in der Wüste des Herzens. Was heißt, mit Christus unterwegs zu bleiben. Was es bedeutet, immer und immer wieder Herausgerufene zu sein. Was Treue bedeutet. Das Entdecken einer Freiheit, die nur Liebende erahnen können.

Es ist dieses ständige Auszug aus den Grenzen meiner selbst, das Hinüberwandern in den „göttlichen Bereich, wie Teilhard de Chardin es erkannte. Auf der Suche bleiben: mit der ersten und ewigen Profess sagt Ihr Ja dazu. Auf der Suche bleiben, auch nach 50, 60 und 65 Jahren

Profess.

 

Suchen ist das Gegenteil von Sitzenbleiben, von Klammern und Festhalten. Wir sind immer wieder gefährdet, etwas zu suchen, etwas von GOTT zu suchen, seinen Trost, seinen Frieden, seine Liebe. Suchen wir jedoch IHN, haben wir Verlangen nach IHM? Lebt da eine Sehnsucht in uns nach IHM, ein Verlangen nach IHM, das uns in Bewegung bringt, das uns nicht sitzen lässt, die uns ermutigt, mit wenig Gepäck immer und immer wieder aufzubrechen. Denn wer wirklich aufbricht – kommt mit dem Wesentlichen aus.

Mit der Profess wählen wir das Leben, entscheiden wir uns für das Leben, stellen wir uns auf die Seite des Lebens.

 

Schwester M. Christina, Schwester M. Johanna, Ihr legt Profess ab auf das Leben, das er selber ist. Profess ist keine Entscheidung zur Abtötung, keine Entscheidung zum Existenzminimum. Sie ist das JA zum Leben schlechthin, zur Fülle des Lebens.

 

In diesem JA geben wir uns GANZ.

Und in Innersten wissen wir es:

nur dieses Ganze schenkt uns tiefstes Glück,

nicht das Halbherzige, nicht die eigenen Wege, die wir

ohne auf GOTT zu hören, wählen und gehen.

 

Das Ja, das Ihr gebt, dieses Ja, das Sie, liebe Jubilarinnen erneuern holt uns weg vom Unverbindlichem, vom Labilen und Unentschiedenen,

vom Unsteten, Dieses Ja holt uns herunter von selbstgebauten Türmen. 

Zugehören dürfen ist Eure Sehnsucht, liebe Schwester M. Johanna, liebe Schwester M. Christina. Wer liebt, sucht die Nähe des Geliebten.

Petrus wird dreimal nach der Liebe gefragt, nach nichts anderem, nur nach der Liebe.

Wer liebt, sehnt sich nach dem Geliebten, tastet die kleinen Augenblicke des Alltags ab, und Ordensleben ist viel Alltag. Darum bleibt die erste Frage die stete Frage nach der Liebe. Noch einmal.

 

Die Liebe ist

langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt

nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht

ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.

Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.

Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe

hört niemals auf. /

 

Manchmal wird es notwendig, wie es Simone Weil sagt, ins Leere hinein zu lieben, oder zumindest lieben zu wollen, sei es auch nur mit dem winzigsten Teil ihrer selbst. Dann eines Tages naht sich Gott selbst und zeigt sich ihr, sagt sie.

 

Das ist das Wichtige: Liebe ist eine Entscheidung. Simone Weil spricht vom Wollen: die Liebe wollen. Es geht viel weniger um Gotteserfahrungen, die wir dann und wann auch brauchen, es geht zuerst um die Entscheidung für Christus. Die Frage nach der Liebe ist die Frage nach den Prioritäten meines Lebens. „Petrus, liebst Du mich?“

Und diese Liebe will Ausdruck im Alltäglichen. Sie wird nicht im luftleeren Raum gelebt. Sondern wächst und gestaltet sich in der alltäglichen Begegnung. Tertullian sagt: „Hast Du Deinen Bruder, Deine Schwester gesehen, dann hast Du deinen Herrn gesehen."

 

Schwester M. Christina, Dir wird heute das Kreuz in die Hände gelegt, und Dir, Schwester M. Johanna, wird der Dornenkranz überreicht.

 

Mit unserem JA der Profess wählen wir auf radikale Weise den Weg Jesu, wird die Torheit des Kreuzes unsere Lebensregel: diese Liebe, die nicht endet an unseren menschlichen Grenzen, die alles Tödliche in unserer Mitte überwindet.

Wir lesen zurzeit während des Tisches „Die Reformation des Herzens“.

Christina Brudereck schreibt:

 

"Ich nenne Jesus

den, der gründlicher hoffte als wir.

Der liebt, was Gott liebt.

Der sich verschenkt. Sein Herz nicht an Dinge hängt.

Ich nenne ihn Licht,

ich nenne ihn: »Mehr brauch ich nicht.«

Manchmal nenn ich ihn »Lieblingsgedicht«,

denn er reimt mir die Liebe in mein Leben.

 

Liebe und

lass dich lieben.

Liebe Gott, deine Nächsten, dich selbst.

Und liebe sie alle auch dann noch, wenn sie dir feind sind.

Er glaubte an Wandlung:

Dies Brot ist mein Leib und eure Herzen werden satt.

Dann wurde

es immer enger, er liebte weiter.

Es wurde noch enger, er liebte weiter.

Er liebte und starb vor lauter Liebe.

Er hing. In der großen Lücke von Himmel und Erde.

Er erlebte Schmerz. Todesangst, Verlassenheit, Einsamkeit.

Abschied, Sterben, Ende.

 

Und so wie

er zeit seines Lebens nie

über uns hinweggegangen ist,

nicht über die Erde stolziert, grub er sich immer tiefer in unser Leben ein.

Er ging durch die Hölle und beschenkte die Erde in ihrer innersten Mitte mit

Leben.

Und dann wurde er von Gott gerufen,

gefordert, geweckt.

 

Es ist die

gründlichste Unterbrechung der Geschichte,

das Unglaublichste und Trotzigste des Glaubens:

Der Gescheiterte ist der Geliebte.

Der Verfluchte der Segen für alle."

 

Der morgige Tag ist die Unterbrechung der Geschichte, Unterbrechung des Alltäglichen, Unterbrechung der eigenen Pläne, Unterbrechungen menschlichen Denkens.  Ein Unterbrechung, die in die Freiheit führt, in die Lebensfülle. In die Liebe.

 

Liebe Jubilarinnen, liebe Schwester M. Johanna, liebe Schwester M. Christina,

möge Euch Christus mit seiner Liebe ganz nahe kommen, mögen Sie seine Nähe finden und darin Ihr Glück finden. 

Euer Herz möge wach bleiben. Denn Er, GOTT, kann Ihnen entgegenkommen, hier und jetzt und vielleicht, im Gesang einer Amsel,

im guten Duft einer Blüte, im frisch gebrühten Kaffee. Vielleicht dann, wenn Sie mitten im Alltäglichen ein Lächeln trifft, ein gutes Wort.

 

Sr. M. Scholastika 

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