Ein Flügel...

Foto: 2Flügel
Foto: 2Flügel

Momentan freuen wir uns in unserem Gästehaus Kloster

Arenberg über zwei ganz besondere Gäste: Eine ganze Woche lang sind die evangelische Theologin Christina Brudereck und der Pianist Ben Seipel (auch bekannt als 2Flügel) bei uns zu Gast, die sich als „artists in residence“ von der Atmosphäre unseres Hauses beflügeln lassen, um ihr neues Programm auszuarbeiten.

Für diese anspruchsvolle Arbeit hilft es natürlich sehr, dass in unserem Mariensaal ein wunderbarer Steinway-Flügel steht, in den sich Ben Seipel bei seinen letzten Aufenthalten geradezu verliebt hat. Anfang der Woche nun war das Instrument allerdings etwas verstimmt, weshalb ein Klavierstimmer herbeigerufen wurde. Und als die beiden so ins Gespräch kamen, tauchte plötzlich die Frage auf, wieviele Jahre der gute alte Steinway denn wohl auf dem Buckel hätte. Also wurde die Modellnummer ausfindig gemacht und

mal eben in der Firmenzentrale in Hamburg angerufen, ob dort möglicherweise Informationen zu diesem Instrument vorliegen. Sie lagen vor, und es kam heraus, dass der Flügel im übernächsten Jahr bereits seinen 90. Geburtstag feiern kann – im Jahr 1928

wurde er nämlich gebaut und dann nach Remscheid ausgeliefert. Als ich davon heute beim Mittagessen einer Mitschwester erzählte, die lange im Konvent in Remscheid gelebt hatte, wusste sie sogar noch Genaueres zu erzählen. Die Geschichte hinter dem wunderbaren Instrument könnte trauriger nicht sein:

Der Flügel gehörte einem leitenden Arzt unseres dort ansässigen Krankenhauses, der seine Frau über alles liebte. Für dieses junge Paar war es ein unvorstellbares Leid, dass ihre Beziehung nicht durch Kinder gesegnet war – im Gegenteil, all ihre Kinder wurde entweder tot geboren, oder verstarben unmittelbar nach der Geburt. Dann, als das sechste Kind auf die Welt kommen sollte, saßen der Arzt und sein bester Freund an diesem Flügel und spielten vierhändig, um seine nebenan gerade gebärende Frau zu beruhigen. Doch als dann Frau und Kind nach der Geburt starben, war für den alleine hinterbliebenen Mann klar, dass er niemals mehr auf diesem Instrument spielen wollte; also schenkte er den Flügel kurzerhand unserer Gemeinschaft.

Manchmal kann uns das Leben wirklich brutal mitspielen - umso beeindruckender ist für mich, dass meine Mitschwester mir mit leuchtenden Augen erzählte, welch ein faszinierender, origineller, unglaublich hilfsbereiter Mensch dieser Arzt gewesen sein muss. „Man kann nur einmal im Leben einen Menschen so lieben, wie ich meine Frau geliebt habe“, so hätte er festgestellt, und blieb deshalb auch sein ganzes weiteres Leben lang unverheiratet, bis er dann schließlich in hohem Alter starb. In seinem Wesen war keine Spur von Verbitterung oder Härte, und sein Leben brachte letztlich große Frucht hervor - nicht durch so sehr ersehnten leibliche Kinder, sondern durch sein Da-Sein, seine liebevolle Sorge für andere. Wieder einmal ein unendlich wertvolles Lebenszeugnis, das uns zeigt, zu welcher Größe Menschen, die der Liebe in ihrem Leben Raum geben, fähig sind.

Der gute alte Steinway-Flügel, er wird heute noch gespielt, sein wunderbarer Klang berührt immer noch viele Ohren und Herzen und lässt Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen aufleben.

Meine Gänsehaut-Geschichte des Tages.

 

Sr. M. Ursula

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Monika (Dienstag, 20 September 2016 09:32)

    Das freut eine Remscheiderin, die viel Verbindungen zur Fabricius-Klinik hatte!!!

  • #2

    Martina (Donnerstag, 06 Oktober 2016 22:47)

    Das ist ja wirklich eine Gänsehaut-Hammer-Zufalls-Geschichte und zeigt deutlich, wie ungemein wichtig die Erinnerungen jeder einzelnen Mitschwester sind.......Danke für den schönen Blogbeitrag.