...als hätte der Himmel die Erde geküsst

Einstimmung unserer Generalpriorin in die Jubiläumsfeier am Fest Maria Geburt

 

Liebe Jubilarinnen,

 

was bewegt Sie heute, liebe Schwestern, nach 50, 60 und 65 Jahren Ordensleben?

Ein Gedanke geht bestimmt zu dem hohen Begriff der Berufung. Gerufene sind wir, Herausgerufene.

Wie muss es für Sie gewesen sein? Damals?

Weg von Gewohntem, weg von dem, was vertraut war und auch mit Liebe gelebt wurde, weg ins immer auch Ungewisse, in Räume und Welten, die einer Suche bedürfen, die ein lebenslanges Suchen in Gang setzen.

Da gibt es kein Haben mehr, kein wirklicher Besitz, da ist dieses mir von GOTT Anvertraute, dieses Freiwerden, diese eigentümliche Freiheit, die in GOTT ist, die ein stetes Ertasten bleibt.

Da war vielleicht in aller Gewissheit eine ängstliche Unsicherheit, die alle kennen, die sich auf GOTT einlassen, auch die Heiligen.

Weil dieser Weg mit Christus auch Abschied bedeutet, Zurücklassen, weil Bewegungen des Zulassens und Einlassens gefordert waren und gefordert bleiben. Oft eigene Vorstellungen durchkreuzend.

 

Die immer tiefere Entfaltung der Berufung bleibt ja, sie hört nicht mit der ersten Profess, schon gar nicht mit der Ewigen Profess auf. Dieses Einlassen auf GOTT, dieses beständige Hören auf IHN, auf Sein Wort bleibt die Grundbewegung des Herzens, bis wir IHN schauen dürfen.

Von Angesicht zu Angesicht.

 

Und es ist letztlich auch das Wunderbare, im Älterwerden, das oft einher geht mit wachsenden Einschränkungen, entdecken zu dürfen, dass das Herz, dass die Seele nicht schwerhörig werden können, wenn wir uns selber nicht verhärten in Unversöhntem, und der Eigenwille nicht so starke Mauern aufgebaut hat, die unser Innerstes taub werden lassen können.

 

Das innerste Gehör, das Horchen auf GOTTES Wort bleibt.

Hier setzt ja die Größe des Menschen an, wie wir sie in Maria entdecken, dass wir in einer überwältigenden Freiheit sagen können: „Mir geschehe nach Deinem Wort!“ Im Sinne: Ich höre Dein Wort.

DU,

GOTT, hast das Sagen über meinem Leben;

ich

lasse es zu, ich lasse mich ein,

ich erlaube Dir Dein Wirken in mir.

Du, Herr, darfst mich nehmen, darfst über mein Leben verfügen, darfst mich immer wieder neu rufen.

 

Vielleicht fasst dieses hohe Wort von Maria „Mir geschehe“ am lebendigsten die Gelübde, die Sie, liebe Jubilarinnen, morgen erneuern, zusammen. Dieses „Mir geschehe“ manifestiert sich in der Armut, im Gehorsam, in der klaren, entschiedenen Liebe, die sich in der Jungfräulichkeit ausdrückt.

 

„Mir geschehe“ – es ist das Grundwort Marias. Aus ihm lebte sie.

Schwestern, Frauen in Christus, wie Pater Theophan Sie heute Morgen in der Hl. Messe rief:

Was ist Ihr Grundwort? Aus welchem Wort leben Sie?

Welches Wort hat sie durch Ihr langes Ordensleben begleitet und immer wieder neu herausgerufen?

Welches ist Ihnen Kraft, Licht und Haltepunkt?

Welches ist Ihnen Liebeswort?

 

GOTT hat ein einzigartiges Wort für jede von uns.

Als sich verschenkende Liebe wendet Er sich jedem Menschen auf eine unwiederholbare Weise zu, und darin wird jede unserer Berufungsgeschichten einzigartig.

 

Romano Guardini erzählte kurz vor seinem Tod von einem Traum. Er schreibt am 01. August 1964:

Heute Nacht, aber es war wohl morgens,

wenn die Träume kommen, dann kam auch zu mir einer. Was darin geschah, weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt, ob zu mir oder von mir selbst, auch das weiß ich nicht mehr. Es wurde also gesagt, wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war: nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie ein Passwort zu allem, was dann geschieht.

Es ist Kraft und Schwäche zugleich.

Es ist Auftrag und Verheißung.

Es ist Schutz und Gefährdung.

Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung des Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, dass der, dem es zugesprochen wird, es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.

 

Thomas Merton lebte von einem ähnlichen Gedanken: Gott bringt den Menschen hervor wie ein Wort. Ein Wort aber wird die Stimme, durch die es ausgesprochen wird, nie zu erschöpfen vermögen. Darum ist es an uns, diesem Wort treu zu bleiben, diesem Gedanken GOTTES die Treue zu halten, dann werden wir unseres Daseins voll sein und ihn überall in uns finden … wir werden in ihm verloren sein, das heißt: wir werden uns finden, wir werden „das Heil“ erlangen.

Heil spiegelt Gottes unendliche Zuneigung zum Menschen wider, seine Liebe und Besorgtheit um das innerste Wesen des Menschen, seine Liebe zu dem, was im Menschen sein wahrstes Eigentum ist: die Gotteskindschaft.

Geheilt sein, erlöst sein heißt zurückkehren zu unserer unversehrten und ewigen Wirklichkeit, zum Leben in GOTT. Wir als Ordensfrauen haben für diese Heilwerdung, für dieses Ganzwerden den Weg der Gelübde gewählt, die Sie morgen, liebe Jubilarinnen, an diesem festlichen Tag erneuern werden. Profess heißt „öffentlich bekennen“ und wir als Gemeinschaft dürfen nochmals Zeuginnen sein.

 

„Mir geschehe nach Deinem Wort“: Maria öffnet sich mit Leib und Seele diesem GOTT. Er darf das Zentrum dieser jungen Frau sein. Bedingungslos. Sie willigt ein, sie lässt zu, lässt sich ein. In Maria kommt das Göttliche und das Menschliche wirklich zusammen. Auf ihre Frage: Wie soll das geschehen, dass der Sohn Gottes mein Kind wird, antwortet der Engel:

„Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“.

Himmel und Erde werden verbunden – in Maria wird eine neue Schöpfung. Das ewige Wort Gottes wird Fleisch.

Uns allen gilt diese Zusage Gottes: Ihr seid erwählt, durch euch soll das Göttliche zur Entfaltung kommen. In euch soll Christus Gestalt annehmen. Mit Maria können wir uns dieser Verheißung öffnen. Und mit ihr können wir mehr und mehr begreifen, was das ganz konkret bedeutet. Himmel und Erde verbinden sich, oder wie es Eichendorff ins Bild brachte:

"Es war, als hätte der Himmel die Erde geküsst“.

So beginnt jede Berufung, in dieser zarten Berührung entfaltet sie sich bis in den Tod hinein:

Sie sprechen es morgen deutlich aus:

"Aus Dankbarkeit erneuere ich meine heilige Profess und gelobe gottgeweihte Keuschheit, Armut und Gehorsam bis zum Tode."

Wir danken Ihnen für dieses Zeugnis, für Ihre bewusste Entscheidung, weiterhin in und mit unserer Gemeinschaft GOTT zu suchen und aus Ihm lebend seiner Liebe den größtmöglichen Raum zu geben.

Wir könnten diese Professerneuerung belächeln: nach 50, 60, nach 65 Jahren, gar nach 70 Jahren wie unsere Schwester Maria Willigis in Berlin, uns nochmals für die Gemeinschaft zu entscheiden, die da leben will nach der Regel des hl. Augustinus, nach den Konstitutionen der Schwestern der hl. Katharina im Orden des hl. Dominikus. Und doch: es IST eine Entscheidung, gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu suchen, gemeinsam zu lieben, gemeinsam das Evangelium zu leben.

Es ist, als hätte der Himmel die Erde geküsst. Durch eine leise Berührung, durch ein Wort, Jeder von uns zugesprochen.

Sr. M. Scholastika

 

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