Cantus firmus

Bild: Begegnung - Sr. Ruth Nussbaumer, Kloster Eschenbach CH
Bild: Begegnung - Sr. Ruth Nussbaumer, Kloster Eschenbach CH

Ansprache von Sr. M. Scholastika zur Professerneuerung von Sr. M. Johanna

 

Liebe Schwester M. Johanna, liebe Schwestern,

aus der Musik kennen wir den Begriff des cantus firmus: er ist eine festgelegte Melodie, die von anderen Stimmen umspielt wird, ohne selbst dabei groß verändert zu werden. Gleichsam ranken sich die anderen Melodien kunstvoll um diesen einen feststehenden Gesang. Der cantus firmus ist ein Bild, das Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge aufgriff:

„Gott und seine Ewigkeit will von ganzem Herzen geliebt sein, nicht so, dass darunter die irdische Liebe beeinträchtigt oder geschwächt würde, aber gewissermaßen als cantus firmus, zu dem die anderen Stimmen des Lebens als Kontrapunkt erklingen …“

In unserem Leben als Ordensfrauen geht es um diese eine Liebe. Sie ist es, in der wir uns bejahen können, uns selbst und einander gegenseitig. Sie ist es, die uns vergeben lässt, die uns dankbar macht und aus der wir die wahre Fülle empfangen. Sie ist es, die uns den Weg in die Gemeinschaft gehen lässt. Sie ist es auch, liebe Schwester M. Johanna, die Dich morgen bewegt, erneut JA zu sagen zu unserer Lebensform, in der wir uns unaufhörlich üben, Gott die erste Stelle in unserem Leben zu geben und aus IHM mehr und mehr zu leben. Es ist die Liebe, die uns frei werden lässt für die Hingabe, die allein tiefes, bleibendes Glück schenkt.

Die Religiosenkongregation [1] hat zum Abschluss des Jahres der Orden noch einmal einen schriftlichen Punkt gesetzt. Grundlage dieser Schrift ist das Hohelied im Alten Testament. Es sind uns bekannte Verse: „Auf den Gassen und Plätzen will ich ihn suchen, den meine Seele liebt!“ Wir Ordenschristen sind leidenschaftliche Gottsucherinnen und Gottsucher: wir haben ihn nicht, wie viele Menschen meinen. Es bleibt eine zuweilen auch mühevolle Herausforderung, stets und ständig Ausschau zu halten nach IHM und bei IHM zu bleiben, oder wie es Kaplan Toth heute Morgen in der Hl. Messe ausgedrückt hat, seine Nähe zuzulassen und sie auch auszuhalten. Und mich bewegt in diesen Tagen der Passion, was es heißt bei IHM zu bleiben, ihm nachzugehen in allen Bedrängnissen: gestern und heute hörten wir im Evangelium, wie seine Gegner Jesus steinigten wollten, er sich ihnen jedoch entzog und sich verbarg. Was es dann heißt, in diesen Stunden bei IHM zu bleiben, IHN mitten in allen Ängsten um das eigene Leben, durch alle Hindernisse hindurch, die uns verwunden lassen, zu suchen und bei IHM zu bleiben.Lieben bedeutet die Bereitschaft, den täglichen Lernprozess der Suche zu durchlaufen.

Die Dynamik der Suche zeigt, dass niemand sich selbst genügt. Sie ruft uns in einen Exodus, der uns in die Tiefen unserer selbst führt. Die Liebe im Hohelied zeigt sich auch mühevoll suchend; sie wird nicht idealisiert, sondern besungen im Bewusstsein ihrer Krisen und möglichen Verirrungen. Die Suche lässt uns aufbrechen, immer und immer wieder neu, sie mutet uns auch die Dunkelheit der Nacht zu. Nacht bedeutet, die Abwesenheit aushalten, bedeutet, das Fernsein dessen aushalten, den die Seele liebt. So drücken es die Verse im Hohelied aus: die Braut auf dem Lager sucht ihren Geliebten, aber er ist nicht da. Er MUSS gesucht werden - auf den Gassen und Plätzen. Allen Gefahren der Nacht trotzend, verzehrt vom Verlangen, ihn wieder in die Arme schließen zu dürfen, stellt die Braut die ewige Frage: Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Diese Frage ist wie eine Wunde. Die Braut macht sich auf die Suche, und alleingelassen in der Nacht wird sie von den Wächtern der Mauern entdeckt, geschlagen, verwundet und ihres Mantels beraubt. Und dann nicht aufzugeben. Was das heißt!

Was das heißt, in diesem eigenen Angefochtensein der Liebe Raum zu geben, die größer ist als alle Angst. Wer den Winter der Einsamkeit kennt, vielleicht im Alter mehr als in jungen Jahren weiß, was Frühling bedeuten kann, wenn die Begegnung mit dem Herrn endlich wieder zarte Knospen trägt. Exerzitien wollen uns in dieses innere Blühen hineinstellen. Unsere Bereitschaft dafür ist die eine Seite, das Knospen jedoch ist das Wirken GOTTES. Die Nähe zum Herrn, die wir existenziell zulassen, vermag unser Herz zu wandeln. Die Liebe verändert uns, sie macht uns anders, es wächst eine neue Zugehörigkeit, die uns von anderen Abhängigkeiten wegbringen kann. Zum Suchen gehört das Finden. Was heißt aber Finden?

Papst Franziskus gibt der Fähigkeit des Staunens Gewicht, die Fähigkeit, in die Stille hineinzuhorchen und das Säuseln zu hören, in dem GOTT zu uns spricht. Er offenbart sich in der konkreten Wirklichkeit, daher rät uns Papst Franziskus, uns nicht zu verschließen, nicht vor dem zu fliehen, was wir nicht verstehen, nicht vor den Grenzen, die uns gesetzt sind, nicht vor den Schwierigkeiten, die zum Leben gehören, die Augen zu verschließen, sie nicht zu leugnen. Er ermutigt uns, über die eigenen Sicherheiten, über die Trägheit und Gleichgültigkeit, die uns bremsen, hinauszugehen und sich auf die Suche der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe zu begeben. Die Nähe zum Herrn öffnet uns die Augen des Herzens, damit wir die Präsenz GOTTES in den Begegnungen, die wir uns oft in einer Gemeinschaft nicht aussuchen können, entdecken, dass wir IHN aufspüren in den konkreten Stunden des Alltags, in den Ereignissen, in die wir hineingestellt sind. Das Leben wird dann nicht zum Hindernis auf GOTT hin, sondern es wird zum Ort GOTTES, zum Ort der Liebe und des Erbarmens, gleichsam zum Haus, in dem Freundschaft gelebt wird. Auch dies ist unsere Aufgabe, die uns anvertraut ist: in unserer Zeit Zeugnis abzulegen dafür, dass GOTT Glück bedeutet, Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte. Die Liebe kennt keine Zwänge, keine Befehle, die uns auferlegt werden, sie ist Freiheit in Gebundenheit. Wir bauen unser Leben nicht auf Regeln, sondern da ist diese Ekstase, dieses Hingerissensein, das uns wegruft von Sicherheiten und Gewohnten, weg von festen Vorstellungen, damit uns das Leben neu gezeigt werden kann. Wir sind Herausgerufene, in Bewegung Gesetzte, um unser Leben tiefer als ein Leben in Gemeinschaft verstehen. In der Liebe wird das Wunder wach: „ich für Dich - Du für mich“. Und in dieser Gegenseitigkeit wächst Gemeinschaft. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, die zur Gewohnheit wird, sondern sie bedeutet immer neuer Auftrag. Ein geistliches Leben zu pflegen, darf nicht zu einem Dasein führen, das zwischen Himmel und Erde hängt, sondern zu einem Leben, das in der demütigen Nähe zu GOTT und in der aufrichtigen Empathie unserm Nächsten gegenüber ein geläutertes Dasein schafft. GOTTES Liebe ist der cantus firmus in allem: unsere Aufgaben, alle Dinge, mit denen wir Tag für Tag umgehen, sind hin geordnet auf diese eine Liebe hin. Wir werden befreit vom Habenwollen, vom Besitzenwollen. Sie zeigt sich in einem diskretes Zuneigem. Papst Benedikt schreibt in einer Predigt:

Um wirklich mit einem anderen Menschen zu kommunizieren, muss ich ihn kennen, in der Stille seiner Nähe stehen können, ihm zuhören, auf ihn mit Liebe blicken. Die wahre Freundschaft lebt von der Gegenseitigkeit der Blicke, von Momenten der Stille voller Achtung und Ehrfurcht, so dass die Begegnung in der Tiefe erlebt wird, persönlich und nicht oberflächlich.

Wir brauchen einander als Gemeinschaft mehr und mehr; wir brauchen voneinander die Geduld, die Akzeptanz des Anderseins einer jeden, wir brauchen das gegenseitige Freigeben. Dies vermögen wir nur aus diesem cantus firmus der Liebe GOTTES.

 

Und Dir, liebe Schwester M. Johanna, sind Freundschaften ganz wichtig. Du willst Zeit haben für Menschen: sind Räume der Begegnung gegeben, siehst Du sie als großes Geschenk. Auch diese Freundschaften bekommen ihre gesunde Relation nur aus dieser Liebe zu GOTT.

Darum lege ich Dir diesen cantus firmus ans Herz. Lerne den Rhythmus und die Melodie der Liebe unseres GOTTES. Halte Dir in Deinen jungen Jahren des Ordenslebens Räume der Stille frei für Deinen Herrn, lass Deine Zelle, Deine Aufgaben, seien sie zurzeit auch noch etwas unstrukturiert, Deine Begegnungen eingetaucht sein in der liebenden Gegenwart GOTTES. Und geh Du, nein – besser gehen wir alle in die Schule der Liebe. Bleiben wir Schülerinnen.

 

[1] Zitate und Impulse aus der Schrift: Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, Betrachtet. An die geweihten Männer und Frauen auf den Spuren der Schönheit, zum Jahr des geweihten Lebens, Vatikan 2016

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Kommentare: 6
  • #1

    Rainer R. FRANKE (Samstag, 19 März 2016 09:57)

    "wahre Freundschaft lebt von der Gegenseitigkeit ....in Achtung und Ehrfurcht" (=Sr.M.Scholastika)
    In diesem Sinne: "Auf Wiedersehen"
    Rainer R. und Daniela

  • #2

    Verena (Montag, 21 März 2016 12:46)

    Liebe Schwester M. Johanna Von Herzen wünsche ich Ihnen Gottes Segen für den weiteren Weg in der dominikanischen Gemeinschaft. Gibt es auch Fotos vom Fest? Es wäre schön, Sie alle wieder mal "live" zu sehen.
    Verena

  • #3

    Julia (Montag, 21 März 2016 18:04)

    Hallo Schwester Johanna Gottes segen auf ihrem weiteren Wege in der Gemeinschaft. Über Fotos würde ich mich sehr freuen.

  • #4

    kosima (Mittwoch, 04 Mai 2016 19:33)

    .... op schreibt icht mehr?

  • #5

    elli (Donnerstag, 05 Mai 2016 18:48)

    Tja, wars das jetzt? Schade, man könnte wenigstens kommunizieren, dass man fortan nicht mehr auf diese Weise kommunizieren möchte. Erst groß, was Neues (op schreibt) ankündigen und dann wochenlang keine Posts :-(

  • #6

    Caminock (Mittwoch, 18 Mai 2016 07:56)

    Liebe Schwestern,

    Ich habe Ihren Blog sehr genossen, vielen Dank für die interessanten Beiträge. Da keine Einträge mehr folgen: Alles Gute und Gottes Segen.