angekommen...

Ansprache von Sr. M. Scholastika zum Festtag am 08.09. 2015


„Es gibt Dinge, die lassen sich nicht erklären. Nicht mit Worten, nicht mit Bildern, nicht mit Gesten. Diese Dinge muss der Mensch selbst erfahren. Zur rechten Zeit. Am rechten Ort. Mit den richtigen Menschen. Auf einmal ist da was tief drinnen in dir und echte Berührung wird möglich. Das Zweifeln und Klagen hört auf, und du weißt: Ich bin angekommen, bei mir, bei Gott. Bei den Anderen. Eine echte Dreifaltigkeit im Hier und Jetzt.[1]

 

Liebe Jubilarinnen, liebe Schwester Kerstin-Marie, liebe Melanie,

ein Journalist, der Taizé kennengelernt hat, beschreibt so seine eigene Erfahrung

an diesem besonderen Ort. Und er setzt fort: „Und dann passiert es. In einer einfachen, bescheidenen, unbequemen Umgebung, die kontrastreicher zum modernen Leben nicht sein könnte, küsst dich ein Geist. Wie zum ersten Mal. Und in einem Meer entflammter Kerzen … entbrennt auch dein Herz und du verstehst: Jesus lebt. Das Christentum lebt. In mir. Durch uns. Hell und klar.“

 

Das ist ja das Wunderbare, dass das Große, das Wesentliche unseres Lebens an uns geschieht. Oft in einer einmaligen Stunde. Da haben wir nichts zu machen, nichts selber in die Wege zu leiten oder in die Hand zu nehmen. Und das Unerhörte: selbst wenn wir zuweilen auf Wegstrecken nichts suchen, schlicht unsere vertrauten Pfade gehen, kann es uns erwischen, kann GOTT uns erwischen. Das eigene Leben wird noch einmal empfindlich aufgerüttelt, zerstört, gar umgekrempelt, neu ausgerichtet. Wenn wir uns einlassen! Wenn wir uns diesen

inneren Anstößen nicht verschließen!

 

Liebe Jubilarinnen,

Sie könnten uns wahrscheinlich von vielen solchen Momenten erzählen. Laute und leise. Manchmal ist es ja nur ein zartes Berührtwerden, und im Herzen geschieht Unvorstellbares. Die Heilige Schrift ist voll von solchen Begegnungen. Zuweilen erschütternde Begegnungen: Ich denke an Jakob, wie er ringt mit GOTT und als Gezeichneter, als Hinkender weitergeht. Ich denke an Saulus, der auf dem Weg nach Damaskus eine solch buchstäblich umwerfende Begegnung mit Christus hatte und sein Leben bekam eine völlig andere Richtung. Und ein ganz leises Erschüttertwerden: Maria. Als der Engel zu ihr trat - was hat diese Begegnung ausgelöst: Die Welt hat sich verändert. Durch eine junge

Frau im Hören auf GOTT.

 

Keine von Ihnen wird doch letztlich ihre Berufung erklären können. Weil die Liebe sich nicht erklären lässt. Sie geschieht, verändert, verwandelt,

und eine Kraft wird spürbar, die wir nicht aus uns heraus haben. Eine Kraft, die uns freisetzt, die uns Vertrautes verlassen lässt, eine Kraft, die uns in die Weite bringen will. Noch einmal: Sie, liebe Jubilarinnen,könnten uns Ihre Geschichten erzählen, und sie könnten eine Stärkung sein,

besonders auch für Melanie, die heute einen intensiven Weg mit Christus beginnt, die sich noch einmal rufen lässt, mit dem Namen, den sie in ihrem Herzen schwingen hört: Du, liebe Melanie, wirst uns heute Schwester.

Eine plötzliche Berührung von GOTT, ein Aufmerken, ein Angesprochensein, oft unerklärlich, und dann gibt es dieses Nicht-mehr-anders-können als Einlassen und Mitgehen.

 

Pater Karl sagte es heute Morgen treffend: Exerzitien sind ein Einüben, in der Nähe des Herrn zu bleiben. Ich erlaube mir, dieses Wort noch zu weiten. Ist nicht unser ganzes Leben ist ein einziges Einüben, in die Nähe des Herrn zu kommen und bei ihm zu bleiben? Aufmerksam zu sein für seine Gegenwart, für sein Licht, seine bleibende Einladung: „Komm!“? Auch noch nach 50, 60, 65, gar 75 Jahren?

 

Unser Leben als eine Übung, unser Leben als ein Gewecktwerden, ein Auferwecktwerden in die österliche Haltung hinein: Wir sind Herausgenommene aus der Knechtschaft, aus einer niedergedrückten, geduckten Lebensweise, aus Akten reiner Pflichterfüllung, wir sind Weggerufene, weg von dem „Man tut, man macht, man soll!“. Du, liebe Schwester Kerstin-Marie, sagst es morgen ganz deutlich: „Ich

will! Ich bin bereit“! Möge Dich der Ring, den Du empfangen wirst, Dich auch an diese starken, entschiedenen Worte erinnern – lebenslang.

 

Aus der Tradition der Ostkirche gibt es eine eigentümliche Geschichte[2], die den österlichen Weg beschreibt, den wir Tag für Tag gehen: Da gab es einen Starez, einen frommen Gottsucher, der die Gewohnheit hatte, seine Schüler das Vater Unser immer beim letzten Wort anstimmen zu lassen, um das Gebet mit den Worten „Vater Unser“ zu beenden. 

Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Unser tägliches Brot gib uns heute. Dein Willegeschehe, wie im Himmel so auf Erden. Dein Reich komme. Geheiligt werde Dein Name. Unser Vater im Himmel.

 

Beginnend mit „Führe uns nicht in Versuchung - erlöse uns von dem Bösen“ … aus den alltäglichen kleinen und größeren Versuchungen, die uns aus der Nähe des Herrn weglocken, uns immer neu GOTT zuwenden. ausziehen aus dem, was uns träge macht, was uns die göttliche Würde raubt und uns neu ausrichten, im Wissen und der Erfahrung der Vergebung und Versöhnung von GOTT her und füreinander. Uns das Brot, die Nahrung schenken lassen, das wir brauchen, seinen Willen erhorchen, ertasten, um dem Land der Verheißung, dem Land der Fülle näher zu kommen, wo uns immer Größeres geschenkt wird, wo uns das Größte erwartet, was GOTT uns offenbaren kann: das Geheimnis seines Namens: Unser Vater.dem unverbrüchlichen, unverrückbaren Ich-bin-der-ich-bin-da. Für Dich! begegnen dürfen  

Das „Vater Unser“, vorne beginnend und auch rückwärts gebetet, gebe ich Ihnen, liebe Jubilarinnen, gebe ich Euch, liebe Schwester

Kerstin-Marie, liebe Melanie heute mit. Dieses Gebet, das wir so oft beten, taucht uns in GOTT ein und entlässt uns aus IHM wieder zu den Menschen. In unsere Aufgaben, in unseren Alltag. In GOTT bleiben, aus IHM leben: d.h. seinen Willen ertasten, aus IHM in uns die Sehnsucht wecken lassen, IHN noch tiefer, seinen Namen noch klaren erfassen können, um darin seinen Willen, zu erkennen: wachsend. Aus

dieser Ausrichtung bekommen unser Leben seine klare Orientierung, sein Licht und sein Salz. Daraus werden unsere Beziehungen heiler, versöhnter, freier. Daraus wächst Gemeinschaft, „gelingt uns ein fruchtbares Miteinander und Zueinander, in dem eine um die andere Sorge trägt, eine der anderen zugetan ist und niemand vergessen wird“.

 

Liebe Jubilarinnen,

ihr Jubiläum zeigt diese ganz menschlichen Wege mit all ihren Auf- und Einbrüchen, immer auf GOTT zu, und aus Ihm in diese Welt. Auf dem Boden, auf dem wir stehen und leben. Aus IHM immer wieder neu ins Heute. Das war auch Ihr Übungsweg, und er bleibt es, und da sind für uns starke Spuren der Treue zu entdecken, für die wir Ihnen von Herzen danken. Möge das Fest morgen, auch das Teilnehmendürfen an der Ewigen Profess unserer Schwester Kerstin-Marie für Sie Stärkung sein, ein Schub des Glücks, um im ganz Gewöhnlichen und oft auch Mühsamen die Schönheit des Lebens zu entdecken, das Fest, das Du, liebe Schwester Kerstin-Marie an unmöglichen Orten, Zeiten und Gegebenheiten sichten darfst. Da bist Du einzigartig. Noch aus Unscheinbarem gelingt es Dir, ein Fest zu feiern, das Gute herauszuschälen, GOTT aufzuspüren. Du hast Dir dies sogar zur Aufgabe gemacht: Menschen zu begleiten, die auf der Suche nach dem sind, wer sie wirklich sind, was sie erfüllt und ein Lebensfest feiern lässt. Dieses Feiern ist nicht ein oberflächliches Spazierengehen, das wäre Dir zuwider, sondern Du glaubst mit aller Ernsthaftigkeit an GOTTES Verheißung, dass er DA ist, dass er DA sein wird, alle Tage unseres Lebens.

 

Wenn Du Dich an diesen einen GOTT bindest, frei und aufgerichtet, bindest Du Dich auch an unsere Gemeinschaft und darin bei allem Schönen und Beherzten auch an ganz Gewöhnliches. Mögen Dir diese Augen geschenkt bleiben, überall, wirklich überall GOTT als den Liebenden zu entdecken, und auch dieses eine große Fest, das er uns bereitet hat: das ist Hoch-Zeit.

 

Melanie,

sein Name ist auf Deine Stirn geschrieben. Dein Name in seine Hände, in sein Herz, eine Einritzung, die viel tiefer greift als jede Tätowierung. Einige unter uns fragen nach Deinem Namen, und wir lachen, wenn Du bereits „Irmela“ gerufen wirst. Du willst Deinen Taufnamen behalten dürfen, willst das Taufgeschehen an Dir immer neu geschehen lassen: Leben mit Jesus, eintauchen in die Wasser seiner Liebe, nicht ausweichen, wenn es auch schwierig wird. Und vertrauen, dass Er es ist, der mit Dir, in Dir geht: „Ich gehe mit Dir, wohin Du auch rollst, wohin auch immer Dein Herz unterwegs ist. Ich bin da!“ Was wir heute und morgen begehen, ist unverdient, ist Geschenk: Du

willst mit uns das Leben teilen, Melanie, Dich einüben in diesen täglichen Rhythmus, der ganz klar auf GOTT ausgerichtet ist – für die Menschen, für diese Welt. 

Und Du bekundest Dein Bleiben, Schwester Kerstin-Marie - bis der Tod uns scheidet. Und Sie liebe Jubilarinnen bezeugen, dass dieser Weg mit Christus sich lohnt und bekräftigen dieses vor 50, 60 und 65 Jahren, Schwester M. Adelgundis sogar vor 75 Jahren gesprochene Ja, diese einmalige JA der Liebe: Ich will, ich bin bereit! Wenn das nicht Fest ist! Explodierende Freude! Hoch-Zeit!

 

Wie hörten wir? Das Zweifeln und Klagen hört auf, und du weißt: Ich bin angekommen, bei mir, bei Gott. Bei den Anderen. Eine echte Dreifaltigkeit im Hier und Jetzt.  

Sr. M. Scholastika


[1] www.theo-magazin.de/2013/09/12/mystische-einfachheit-taize/

[2] vgl. Müller, Klaus, Gottes ABC. Texte für das Lesejahr A, Münster 2013, 144-146

 

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